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Abschlussflug

Zweiundfünzig goldene Heißluftballons fliegen zum Himmel...

An Einundfünzig baumelt ein Kuvert. Ein Kuvert das Wünsche zum Himmel trägt. Zuvor haben die Kinder eifrig ihre Zukunftspläne auf einen Briefbogen geschrieben. Einige wurden auch von den Kindern vorgelesen. Berufswünsche, Hoffnungen, dass man das Gymnasium schafft, Ideen, wie man Weltfußballer wird. Die Wünsche werden angebunden. Los, Gedanken, fliegt.
Mein Sohn hat nichts vorgelesen. Mein Sohn hat nichts aufgeschrieben. Er kann nicht lesen oder schreiben. Sein Ballon hebt wunschlos ab.

Mitten in der Feierstimmung, mitten in diesem Wirr-Warr aus Kinderstimmen, Erwachsenen-Small-Talk und Muffingeruch drückt es mir unvorbereitet Tränen in die Augen. Was mache ich hier? Was feiern wir hier?

Eigentlich sollte mein Sohn die Volksschule noch gar nicht verlassen. Ein fünftes Schuljahr wäre mein innigster Wunsch gewesen. Vorschule gibt es für Kinder mit erhöhtem Förderbedarf nicht, dafür aber eigentlich 12 Schulbesuchsjahre. Es gibt tatsächlich Fälle in denen Kinder wie mein Sohn fünf Schuljahre in der Volksschule verbringen. Allerdings nur bei Zustimmung der Schulleitung, der Klassenlehrer, des Schulerhalters und der Bildungsdirektion. Irgendwer hat den weiteren Schulbesuch meines Sohnes nicht gutgeheißen. Wer genau, das hat man mir freilich nicht gesagt. Und es ändert ja auch nichts.

Wenn ich ihn so stehen sehe, neben seinen Klassenkameradinnen. Groß ist er geworden. Vieles, das ich früher für unmöglich gehalten hätte, funktioniert jetzt. Mein Sohn bleibt stehen, wenn ich ihn rufe. Er klettert auf Bäume, er fährt Rad. Er zieht sich selbstständig um. Er freut sich, wenn Kinder mit ihm Kontakt aufnehmen. Manchmal so sehr, dass er aufgeregt auf der Stelle hüpft und sich seine Hände zwischen den Oberschenkeln reibt. Eines dieser Verhalten, das Teile der Lehrerschaft gar nicht gerne sehen. Warten kann er immer noch nicht. Aber: Auf ihn wartet ja auch niemand.

Gesprächsfetzen fliegen in meinem Schädel herum: Es sei einfach oft schwierig, laut, unberechenbar. Mit "es" meint man natürlich ihn. Darum sei es auch klüger allen Optionen gegenüber offen zu sein. Mit "allen Optionen" meint man natürlich die Sonderschule. Wenn man sieht, wie er mit seinesgleichen aufblüht, dann werde einem das klar. "Seinesgleichen" meint natürlich die anderen Kinder mit höherem Assistenzbedarf.

Ich wiederum sehe wie mein Kind in kleinen Gruppen aufblüht. Warum werden keine Kinder ohne Behinderungen zur Kleingruppenarbeit geholt? Weil diese fleißig lernen müssen. Für das Gymnasium. Man will den Kindern ja keine Chancen verbauen. Da geht sich "Inklusion" nicht mehr aus. Die anderen Kinder aus seiner Klasse gehen nämlich alle aufs Gymnasium, außer die mit türkisch klingenden Namen. Aber das ist keine andere Geschichte...

Nächstes Jahr startet mein Sohn in der Mittelschule. Die bemühte Inklusionspädagogin, die Beratungslehrerin, beide Schuldirektorinnen haben Einsatz gezeigt. Man hat geplant, Förderpläne übergeben, eingefädelt, geschnuppert, ausgeschrieben. Ja, ausgeschrieben auch. Die bisherige Schulassistentin bleibt der bisherigen Schule treu - nicht dem Kind. Wir lassen uns überraschen wer sich findet, ob sich jemand findet. Gesagt hat man mir das beiläufig, aber das ändert ja auch nichts.

Zweiundfünfzig goldene Heißluftballons fliegen gemeinsam zum Himmel. Einer ist etwas schneller als die anderen, er fliegt unbeschwerter, weiter - an ihm hängt kein Kuvert. Mein Sohn, das wünsche ich dir: Dass du gemeinsam mit den anderen fliegen darfst, ohne Ballast, ohne erschwerende Zuschreibungen, ohne Angst den Wünschen anderer nicht gerecht zu werden, ohne Angst und vor allem: nicht allein, nicht ausgesondert und in eine gute und glückliche Zukunft innerhalb der Gesellschaft!

 

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