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Stellungnahme zur Aussenddung „Flächendeckende und hochwertige Betreuung an Tirols Sonderschulen“.

Sehr geehrte Frau LR Hagele,

mit großer Irritation lesen wir die Presseaussendung „Flächendeckende und hochwertige Betreuung an Tirols Sonderschulen".

Wider jede wissenschaftliche Evidenz und die menschenrechtliche Verpflichtung Österreichs zur Inklusion, wird hier das Modell Absonderung beworben. Begründet wird dies einmal mehr mit der angeblich bestmöglichen Förderung in Sonderschulen. Diverse Studien haben nachgewiesen, dass Kinder mit Förderbedarf im inklusiven Unterricht mehr lernen, erfolgreicher sind, besser abschneiden als vergleichbare Schüler:innen an Sonderschulen, auf lange Sicht weniger von Stigmatisierung betroffen sind, ein positiveres Selbstkonzept entwickeln und bessere Chancen auf dem Arbeitsmarkt haben. Hier eine kleine Sammlung an Quellen: https://inklusionsfakten.de/schulerschulerinnen-mit-behinderung-lernen-besser-auf-einer-forderschule/

Besonders angepriesen wird im Artikel allerdings nicht das pädagogisch-didaktische Angebot, sondern die Bereitstellung von therapeutischen Angeboten und die Tagesbetreuung am Schulstandort. Nicht gefragt wird: Warum gibt es das in inklusiven Settings nicht? Warum ist es weiterhin notwendig, dass Kinder mit Behinderungen quer durch den Bezirk gefahren werden müssen, um Nachmittagsbetreuung in Anspruch nehmen zu können? Selbstverständlich ist es so nicht möglich, dass diese Kinder zum selbstverständlichen Teil der Gemeinde oder Dorfgemeinschaft werden.

Seit Jahren betont Integration Tirol, wie wichtig es ist, multiprofessionellen Teams den Zugang zu Schulen (und Kindergärten) zu ermöglichen. Während einerseits der enorme Mehrwert dieser Angebote in Sonderschulen betont wird, weigert sich die Abteilung Bildung Logopädinnen, Physiotherapeutinnen und Ergotherapeutinnen Zugang zu Kindergärten und Pflichtschulen zu ermöglichen. Wie passt das zusammen?

Gerade im Bezirk Landeck häufen sich Erfahrungsberichte von Eltern, denen von Therapeutinnen des einzigen Anbieters ohne Selbstbehalte mit Landesvertrag empfohlen wird, dass Kind doch in die Sonderschule zu geben. Da verwundert es wenig, dass genau dieser Träger dann den „Therapietag" in der ASO gestalten darf. Die Therapeutinnen haben vom Therapiezentrum bis zur ASO einen Fußweg von einer Minute. Eine „Win-Win-Situation"? Ja, für Schule und Träger, nicht für die Kinder in den Schulen der Heimatgemeinden, welche weiterhin lange Fahrtwege zur Therapie in Kauf nehmen müssen. Auch nicht für diejenigen Kinder, welche wegen des therapeutischen Angebots (all-inklusiv-Exklusion) aus den Heimatgemeinden gerissen werden und Entfremdung erfahren müssen.

Ein echtes Eltern-Wahlrecht setzt die gleichwertige Ausstattung von allgemeiner Schule und Sonderschule voraus. Es wird zum Scheinwahlrecht, wenn Eltern sich zwischen dem Regelschulbesuch ihres Kindes ohne angemessene Vorkehrungen und der gut ausgestatteten Sonderschule mit all ihren Vergünstigungen wie bspw. Fahrdienst und Ganztagsangebot entscheiden müssen.

In der Aussendung wird von integrativen Angeboten in Sonderschulen geredet. Gerade der besuchte Standort ist ein ausgezeichnetes Beispiel dafür, wie das nicht geht: Die Kinder im Keller (Sonderschulstandort) haben de facto keinen Kontakt zu den Kindern im Erdgeschoss und darüber (Volksschule). Allgemein sei die Frage erlaubt: Warum werden Kinder zuerst abgesondert, um sie dann wieder zu integrieren? Warum bleiben sie nicht einfach von Anfang an inkludiert? Inklusion kann eine Sonderschule schlicht nie leisten. Dazu fehlt ihr ein wesentliches „Angebot": Der alltägliche Umgang von Kindern mit und ohne Behinderung.

Gerade in Landeck wäre es ein Leichtes gewesen, bspw. mit der VS Landeck/Angedair, eine Schule zu besuchen, die mustergültig vormacht, wie inklusive Bildung gelingen kann. Auch im Bereich der Sek1 leisten die öffentlichen Mittelschulen im Talkessel Großartiges (natürlich merkt man hier aber den Selektionsdruck von AHS-Unterstufe und Praxis-MS). Auch in der örtlichen PTS kann man sich versichern, wie Förderung von Kindern mit erhöhtem Förderbedarf im inklusiven Unterricht aussehen kann. Vielleicht kann die Chance, inklusive Luft zu schnuppern (bekanntlich macht der Vergleich sicher), bei einem Extra-Besuch in Reutte nachgeholt werden. Wir freuen uns dann auf eine neue Presseaussendung, die Werbung für echte Inklusion macht!

Mit freundlichen Grüßen
Integration Tirol

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