www.integration-tirol.at / 3: Gewaltprävention / 3.3: 16 Tage gegen Gewalt an Frauen 16 Fälle > 16 Tage - 16 Fälle: Gewalt und Diskriminierungserfahrungen von Frauen und Mädchen aufgrund einer Behinderung
.

16 Tage - 16 Fälle: Gewalt und Diskriminierungserfahrungen von Frauen und Mädchen aufgrund einer Behinderung

Frei leben ohne Gewalt


Fall 1: Körperliche Gewalt beim Schultransport

Inga wird täglich mit dem Behinderten-Transport zur Schule und wieder nach Hause gebracht. Bei einer dieser Fahrten wird das Mädchen vom Busfahrer geohrfeigt. Inga hat keine verbale Sprache und kann daheim nicht darüber berichten. Allerdings beobachtet ein anderes Kind die Situation und erzählt diese ihren Eltern. So erfahren Ingas Eltern davon und können den Vorfall bei der Polizei zur Anzeige bringen.

Fall 2: Psychische Gewalt durch Belästigung in der Öffentlichkeit

Magda hasst es, wenn sie im Bus von anderen Fahrgästen aufgrund ihrer Behinderung angestarrt wird. Für sie ist das entwürdigend und sie will deshalb die öffentlichen Verkehrsmittel nicht mehr benützen.

Fall 3: Strukturelle und sexualisierte Gewalt

Miriam, eine alleinerziehende Mutter einer Tochter mit Autismus wird gezwungen aus ihrer aktuellen Wohnung ausziehen. Ihr Vermieter beschwert sich über das Verhalten ihrer Tochter, die zu laut und zu aggressive sei. Er will nicht mehr, dass sie im selben Haus wohnen.
Mirjam ist sehr verzweifelt. Sie sucht sehr intensiv am privaten Wohnungsmarkt nach einer anderen Wohnung. Dabei wird ihr einmal angeboten, sie könne die Wohnung mieten, aber nur gegen Miete und sexuelle Dienste.

Fall 4: Diskriminierung in der Arbeitswelt

Nora ist im letzten Schuljahr und absolviert erfolgreich ein Praktikum in einer Gärtnerei. Eine Anstellung wird in Aussicht gestellt, ein weiteres Praktikum vereinbart. Es erfolgt dann allerdings eine Ablehnung, da sich die Mitarbeiter:innen des Betriebes in einer Abstimmung klar gegen eine Anstellung der jungen Frau aussprechen, aufgrund ihrer Behinderung.

Fall 5: Psychische und strukturelle Gewalt durch Vorenthaltung bedarfsgerechter Unterstützung

Ingrid erwartet ihr zweites Kind. Sie benötigt Unterstützung vor und nach der Geburt ihres Babys, da ihr die Pflege ihres mehrfachbehinderten Kindes hochschwanger nicht möglich ist. Ihr Antrag auf Erhöhung der Stunden für Familienentlastung wird von der Behörde abgelehnt, diese bietet stattdessen eine Unterbringung in einem Heim für behinderte Kinder an. Statt sich auf die Geburt des Babys vorzubereiten und gemeinsam mit dem Geschwisterkind darauf freuen zu können, muss sich die Mutter gegen das diskriminierende Angebot der Behörde zur Wehr setzen und ist während der Schwangerschaft großem Stress ausgesetzt.

Fall 6: Sexuelle Gewalt durch Mitarbeiter eines Fahrtendiensts

Manuela ist fünf Jahre alt und lebt mit einer schweren Mehrfachbehinderung. Sie wird vom Fahrer eines Behindertentransports sexuell schwer missbraucht. Der Mann ist geständig und wird rechtskräftig verurteilt.

Fall 7: Psychische und strukturelle Gewalt durch Mitarbeiter:in einer Betreuungseinrichtung

Angela sucht dringend für ihr Kind mit Behinderung einen Betreuungsplatz. Die Suche gestaltet sich sehr schwierig. Ein/e Mitarbeiter:in einer Betreuungseinrichtung teilt ihr unverblümt mit: „Für solche Kinder haben wir kein Angebot".

Fall 8: Körperliche und psychische Gewalt bei einer ärztlichen Behandlung

Bei Milanas Tochter wird ein Abszess im Mundbereich diagnostiziert. Ein Eingriff in Narkose wird von ärztlicher Seite als notwendig erachtet, es erfolgt allerdings keine nähere Abklärung mittels Röntgen. Nach dem Eingriff wird der Mutter mitgeteilt, dass vier bleibende Zähne gezogen wurden, weil einer davon vermutlich für das Entstehen des Abszesses verantwortlich gewesen sei. Milana ist schockiert. Auf die Frage, wie ihre Tochter nun essen solle, meint die Ärztin verwundert: „Ihre Tochter braucht doch keine Zähne, sie ist ja schwerstbehindert. Ein Zahnersatz kommt jedenfalls nicht in Frage".

Fall 9: Psychische Gewalt durch Behörden bei Antragstellung

Ayla hat aufgrund ihrer Behinderung einen sehr hohen Unterstützungsbedarf. Bei der Beantragung von Leistungen der Behindertenhilfe erlebt sie immer wieder herabwürdigendes Verhalten von Sachbearbeiter:innen. Ihr wird gesagt: „Wenn jemand 24 Stunden Assistenz benötigt, hat das nichts mehr mit Teilhabe zu tun." „Sie solle in ein Heim ziehen oder mehr fernsehen, dann brauche sie weniger Assistenz." Aufgrund dieser Aussagen beginnt Theresa an sich selbst und an ihrem Wunsch nach selbstbestimmtem Leben in den eigenen vier Wänden zu zweifeln. Bei weiteren Terminen wird sie von einer Freundin zur Behörde begleitet, aber auch zu zweit können sie sich nicht ausreichend gegen die ablehnenden und ableistischen Aussagen der Sachbearbeiter:innen wehren. Erst als sich Theresa von einem Rechtsanwalt unterstützen lässt, ändert sich das Verhalten der Mitarbeiter:innen in der Behörde, erst jetzt werden ihre Anträge angemessen bearbeitet.

Fall 10: Sexuelle Gewalt bei medizinischer Untersuchung

Gamze, eine junge Frau mit einer Behinderung, hat einen Kontrolltermin beim Gynäkologen. Als sie wehrlos im Untersuchungsstuhl liegt, nimmt der Gynäkologe sexuelle Handlungen an sich und auch an der jungen Frau vor.

Fall 11: Strukturelle und psychische Gewalt durch stark reduzierte Zeit im Kindergarten

Diana ist vier Jahre alt und mehrfachbehindert, ihre Eltern suchen für sie erfolglos einen Platz im Kindergarten. Schließlich wird ihnen ein Platz für zwei Tage pro Woche zu jeweils einer Stunde angeboten. Dies stellt keine Entlastung für die Mutter dar, ganz im Gegenteil, es bedeutet eine enorme zeitliche und organisatorische Belastung, zumal sie sich auch um die beiden jüngeren Geschwister kümmern muss.

Fall 12: Körperliche Gewalt durch Freiheitsbeschränkung in der Schule

Eva hat einen großen Bewegungsdrang und bleibt in der Schule nicht auf ihrem Platz sitzen. Die Lehrpersonen sperren daher immer wieder die Klassentüre ab und fixieren das Mädchen mit einem Gurt am Stuhl. Ein Gericht erklärt diese Maßnahmen für unzulässige Freiheitsbeschränkungen.

Fall 13: Körperliche und psychische Gewalt an der Schule

Selin besucht eine Integrationsklasse. Als Selin nicht zur gewohnten Zeit mit dem Bus nach Hause kam, fuhr der Vater zur Schule. Als der Vater vor der Tür stand, hörte er wie ein Kind von der Sonderpädagog:in lautstark angebrüllt wird und immer wieder die Worte wiederholt „du bist böse, du bist böse". Das Kind fragt immer wieder nach den Eltern, aber es bekommt keine Antwort. Der Vater öffnet schockiert die Tür und sieht wie Selin zwischen Tisch und Wand gedrängt wird, stark verängstigt ist und von der Pädagogin lautstark mit abwertenden Worten angeschrien wird.

Für die Lehrer:in gibt es keine Konsequenzen. Sie kommentierte die Situation als ein normales Schüler:innengespräch in angepasster Lautstärke und die eingesetzten pädagogischen Maßnahmen seien einer behinderten Schüler:in gegenüber angemessen. Da die Schulbehörde die Lehrerin als sehr gute Pädagog:in verteidigt und es bisher keine ähnlichen Vorwürfe gab, gibt es von Seiten der Schulbehörde keinen Handlungsbedarf. Die Lehrer:in unterrichtet weiterhin und die Eltern suchen eine neue Schule.

Fall 14: Körperliche und psychische Gewalt in einem Kinderheim

Monika hat ihre Schulzeit aufgrund ihrer Behinderung in Heimen verbracht. Obwohl sie mittlerweile über 70 Jahre alt ist, hat sie die körperliche und psychische Gewalt, die sie dort erlebte, in schmerzhafter Erinnerung. Mit Unterstützung beantragt sie eine Opferschutzrente, die ihr zugesprochen wird.

Fall 15: Psychische Gewalt durch Belästigung in der Öffentlichkeit

Johannas Sohn schafft es, an der Wursttheke selbst eine Semmel mit seinem Lieblingsbelag zu bestellen. Johanna freut sich sehr, denn für ihren Sohn ist das aufgrund seiner Behinderung eine außerordentliche Herausforderung. In diesem Moment sagt die Verkäuferin: „Mein Gott, man muss schon sehr froh sein, wenn man ein gesundes Kind hat." Für Johanna ist diese ableistische Äußerung ein Schlag in die Magengrube. Sie kann sich über den Erfolg ihres Sohnes gar nicht mehr freuen.

Fall 16: Psychische Gewalt durch Mitschüler:innen und Lehrpersonen

Lisa, die eine Neue Mittelschule besucht und dem regulären Lehrplan gut folgen kann, wird aufgrund ihrer Behinderungen von ihren nichtbehinderten Mitschüler:innen immer wieder belästigt und herabgewürdigt. Einmal sagt ein Mitschüler zu ihr: „Wenn ich deine Mutter wäre, hätte ich dich abgetrieben." Auch die Lehrpersonen verhalten sich wenig unterstützend, sie sind der Meinung, dass für Lisa eine Sonderschule besser wäre. Das Mädchen erlebt ihre Schulzeit als psychisch sehr belastend.

Powered by Papoo 2012
438741 Besucher