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Ja, ich weiß, dass alle nur das Beste wollen...

„Im Rahmen der Möglichkeiten" ist zum Leidsatz unseres Lebens geworden. Das war schon vor Corona so. Mein Sohn ist behindert. Alle haben bislang immer das Möglichste getan. Sind ihm möglichst entgegen gekommen. Nur muss man halt schon auch ein bisschen Einsicht zeigen. Ein bisschen Kompromissbereitschaft. Dann kann man ihm auch Normalität ermöglichen.

Die neue Normalität hat uns einen gewaltigen Strich durch die Rechnung gemacht. Die Rahmenbedingungen sind grundlegend andere.
Der Zeitrahmen löst sich auf. Ist heute schon wieder morgen? Therapien fallen aus. Anträge für Therapien gehen nicht raus. Das lassen die derzeitigen Rahmenbedingungen nicht zu. Familienentlastende Maßnahmen fanden 6 Wochen lang leider nicht statt. Das war unter den derzeitigen Rahmenbedingungen nicht möglich. Das Kind fällt zurück? Das Kind verliert den Anschluss? Fahren wir halt später hoch.

Es liegt nicht im Rahmen der Möglichkeiten meines Sohnes auf dich oder mich zu schauen. Ein Meter sagt meinem Sohn so viel, wie mir ein Babyelefant. Weil da so ist, sieht das Epidemiegesetz (angeblich?) für meinen Sohn einen Mammutsabstand vor. 20m² müssen für ihn bereit gestellt werden. Die Wurzel von Zwanzig durch Pi beträgt 2,523m. Stelle ich meinen Sohn in einen Kreis, muss ich diesen Radius um ihn ziehen. Versuchen Sie es einmal im Eigenversuch. Für die Vorstellungskraft.

Verständlicherweise an die Belastungsgrenzen gebrachte Schulen fragen nach Verantwortung. Wer trägt die Verantwortung für den zu wahrenden Sicherheitsabstand? Die Schulleitung, die Lehrerinnen, die Assistenz? Wer haftet? Wer kann da ein Kind wie das meine da verantworten? Antworten von Oben bleiben aus. Da wurden unsere Kinder nicht mitgedacht. Die fallen aus dem Rahmen. Man hat im Rahmen der Möglichkeiten das Möglichste getan.

Aber keine Sorge. Man kann zwei Angebote machen: Entweder, man darf das Kind daheim lassen. Das wäre, ob der derzeitigen Rahmenbedingungen sicher das Beste für alle Beteiligten. So kann man garantieren, dass sich niemand ansteckt, auch das Kind nicht.

Mit Arbeiten ist es dann halt schwierig. Aber Arbeiten mit behindertem Kind ist sowieso immer maßlos. In Zeiten wie diesen doppelt. Das liegt halt derzeit leider außerhalb der Rahmens. Ja, wie, was, wovon leben? Pflegebonus? Härtefonds? Familienbonus... Ach, so, ja das nicht, da fallen wir leider aus dem Rahmen.

Das andere Angebot: Das Kind kommt und geht, wie die anderen Kinder jeden zweiten Tag. Nur halt mit erhöhtem Abstand und 1:1 Betreuung. Ein Luxus. In der Gruppe kann es leider nicht sein, sonst hat das Mammut keinen Platz mehr. Er darf aber alleine in einem Zimmer lernen. Er kennt das Zimmer, das Kind lernt sonst auch meist in dem Zimmer. Er und drei, vier andere. Wenn sich alles eingespielt hat, und man nachgemessen hat, darf das ein oder andere Kind, dann auch manchmal vorbei schauen. Im Rahmen der Möglichkeiten hat die Schule auf jeden Fall das Beste getan.

Im angehängten Zimmer sieht der Sohn durch das Glas in der Tür die Hälfte seiner Stammklasse. Die große Unbekannte für die Schule bleibt die Frage, wie viele zusätzlich die Betretung in den Zusatzzimmern in Anspruch nehmen werden, weil die Eltern halt schon arbeiten müssen. Wegen dem Hochfahren. Betreuung bietet die Schulleitung für den Sohn auch an. Wobei hier das letzte Wort noch nicht gesprochen sei. Rechtlich äußerst löchriger Boden. Weil eigentlich hat der Sohn Anspruch auf Unterricht. Betreuung ist gesetzlich anders geregelt. Wenn man alle Hühneraugen zudrückt, würde man im Sonderfall aber eine Sonderlösung finden. Falls die Bildungsdirektion keinen Einspruch geltend macht, was man natürlich noch nicht wisse. Eine eventuelle Individuallösung.

Ohja, übrigens seine Stützkraft, die hat der Sohn während des Unterrichts auch. Die muss halt dann selbst die Verantwortung übernehmen, Abstand zu halten. Vorschrift für den Umgang mit meinen Sohn: Mundschutzmaske, (selbstverständlich auch im Unterricht!) Handschuhe! Und Bei Klogang eine Schürze! Das Kind wird dann halt ein bisschen brauchen, bis er die Schulassistenz erkennt. Während LehrerInnen von Bundesministers Gnaden ganze ZWEI Schutzmasken gestellt bekommen, hat sich um die Ausstattung der Schulassistenz übrigens die Gemeinde zu kümmern. Wird schon irgendwie gehen. Man wird schon einen Rahmen finden, der das möglich macht. Sonst braucht es halt Individuallösungen.
Das ist doch immerhin ein Angebot. Wir alle müssen Abstriche machen dieser Tage. Das trifft nicht nur den Sohn. Soviel Solidarität mit der Gesellschaft muss man halt schon aufbringen und es ist ja immer noch besser als nichts. Das Traurige: Wenn ich um mich blicke und höre, wie es anderen Kindern mit Behinderungen und deren Eltern geht (egal ob in Sonderschulen oder in Inklusion), gehören wir wohl noch zu den Glücklichen. Für uns konnte eine Individuallösung gefunden werden. Individuallösungen braucht es, ihrem Namen zum Trotz, viel seltener für individuelle Problemstellungen als für kollektive Ratlosigkeit. Für uns wurde extra eine Videokonferenz samt Betreuungslehrer, Klassenlehrerin und Sonderpädagogin organisiert. Ich sehe, dass jede unmittelbar Beteiligte wirklich nur das Beste will.

Warum also die Wut? Ein bisschen Dankbarkeit wäre doch angebracht. Woanders gehen Kinder wie das meine schließlich schon überhaupt gar nicht in die Schule. Besondere Zeiten bedürfen eben besonderer Maßnahmen! Derzeit geht es eben vorrangig um Hygiene und erst dann um Haltung. Herrgott! Ein bisschen Eigenverantwortung, wenn ich bitten darf?

Eine Hygieneverordnung auszugeben, wohlwissend, dass diese unter den aktuellen schulischen Rahmenbedingungen nicht exekutiert werden kann, zeugt übrigens von einer Haltungslosigkeit. Von einer Rückgradlosigkeit. Verantwortung wird hier weitergereicht, abgeschoben. Individualverantwortung heißt das dann. Am Ende treibt das Regelwerk Schweißperlen auf die Stirn von SchulleiterInnen und LehrerInnen. Der Schweiß tropft auf die Köpfe der SchülerInnen, eines davon steht im Nachbarzimmer, an der Leine eines großen stummen Mammuts.

Fakt ist, alle vorgeschobenen Argumente zur schnellstmöglichen Schulöffnung versagen hinsichtlich der derzeitigen Rahmenbedingungen für mein Kind. Für behinderte Kinder. Für viele Kinder. Das Hauptargument für die schnelle Öffnung der Schulen, das Bekämpfen der Bildungsungleichheit gilt nicht für jene, die schon vorher abgehängt waren. Das Hauptargument für die schnelle Öffnung der Schulen, der soziale Kontakt, gilt nicht für jene, deren soziale Teilhabe vorher schon eingeschränkt war. Das Hauptargument für die schnelle Öffnung der Schulen, die psychische Gesundheit der Kinder, gilt nicht für jene, welche psychische Schwierigkeiten mitbringen. Das Hauptargument für die schnelle Öffnung der Schulen, das Durchbrechen von Gewaltspiralen, gilt nicht für jene, welche laut Statistik am häufigsten Opfer psychischer und physischer Gewalt sind. Das Hauptargument für die schnelle Öffnung der Schulen, die Entlastung von Familien gilt nur stark eingeschränkt, für jene Familien, welche besondere Belastungen erleben. All das geben diese Rahmenbedingungen nicht her.

Aber ich bin mir sicher, alle wollten nur das Beste. Die Verantwortungsträger haben halt nicht jedes Detail im Auge, und so eine Randgruppe ist nun mal ein Detail.
Ich weiß schon, dieser Tage von Teilhabe zu reden ist schon verdammt spitzfindig. Es reicht die Verfassung, da brauchen wir nicht auch noch eine UN-Behindertenrechtskonvention. Diese sieht übrigens für humanitäre Krisen besonderen Schutz für Menschen mit Behinderungen vor. Leider befinden sich Menschenrechte derzeit anscheinend nicht im Rahmen der Möglichkeiten. Ich fürchte diese neue Normalität jetzt schon.....

 

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